Seit gestern liegt er hier, immer noch jungfräulich eingeschweisst, noch schaffe ich es, die Vorfreude zu verlängern, den Moment des Aufreissens hinauszuzögern, denn ich weiß genau, habe ich erst angefangen zu lesen, ist es viel zu schnell vorbei; eine durchwachte Nacht und der Fall ist gelöst, das Buch zuende und ich muss wieder mindestens ein Jahr auf das nächste warten. Das dürfte zwar auch jetzt schon in der Originalausgabe erhältlich sein, aber was das angeht, bin ich ein wenig faul will ich den Übersetzer nicht um seinen Lebensunterhalt bringen.
Commissario Guido Brunetti wird ab heute wieder mindestens 24 Stunden – wenn ich es schaffe, zwischendurch auch mal was anderes zu machen, vielleicht auch länger – Teil meines Lebens sein.
Ja, man kann Brunetti, bzw. seine Erfinderin, die in Venedig lebende Amerikanerin Donna Leon, kritisieren. Eine gewisse sozialkritische Färbung hatten die Fälle von Anfang an, nicht verwerflich an sich, doch mit der Zeit wirkt der moralisierend erhobene Zeigefinger arg penetrant, die sozialkritische Komponente ein wenig zu konstruiert.
Auch gewisse, nennen wir es mal Logiklöcher in der Biographie der Familie Brunetti irritieren ein wenig: Seit Ende der Achtziger löst der Commissario seine Fälle, der politische Wandel in Osteuropa 1989/90 wie auch die Euroeinführung 2001/02 werden zwar nicht direkt thematisiert aber doch am Rande erwähnt, auch Phänomene wie Internet und Globalisierung komen vor. Die Kinder des Commissario jedoch sind in diesen 20 Jahren nur wenige Jahre älter geworden. Zugegebenermaßen, das stört nicht wirklich, ist nur so ein amüsantes Detail am Rande, aber es wundert doch ein wenig, denn wäre es der Handlung so abträglich, wären Sohn und Tochter Brunettis mittlerweile erwachsen und führten ihr eigenes Leben? Aber das nur am Rande.
Es ändert nichts daran, Commissario Brunetti ist und bleibt der Hauptprotagonist meines Lieblingskrimis – geringfügig dadurch bedingt, das der Autor eines anderen Lieblingskrimis, Herr Mankell aus Schweden, seinen Protagonisten Herrn Wallander zu meinen großen Leidwesen in den Ruhestand geschickt hat.
Heute jedenfalls freue ich mich wieder einmal auf einen neuen Band in dem Brunetti – selbst keinesfalls ohne Fehl und Tadel sondern zutiefst menschlich – wiedereinmal gegen Unrecht, Korruption, Doppelmoral zu Felde zieht, vor der heiter-melancholischen Kulisse Venedigs zwar wie immer seinen Fall lösen, aber nicht unbedingt den wahren Übeltäter vor den Kadi bringen können wird. Und wie er auf seinen Ermittlungen immer wieder hier und da einkehren und sich gar köstlich bewirten lassen wird oder heimkehren wird in die Dachgeschosswohnung eines typisch venezianischen Palazzos, wo Gattin Paola -nebenbei Professorin an der örtlichen Universität – zweimal täglich aus dem besten Zutaten mehrgängige Menüs für die vierköpfige Familie zaubert (auch dies so ein hübsches kleines Logikloch). All dies immer wieder so detailliert beschrieben, das dem Leser förmlich das Wasser im Munde zusammenläuft und er geneigt ist, schnellstmöglich das nächstgelegene Ristorante aufzusuchen und dort nach einer echt brunettiesken Mahlzeit zu schreien. Oder sich schon vor dem Lesen zu versichern, für alle Fälle die richtigen Zutaten für ein leckeres Pastagericht im Hause zu haben.
Aber zunächst werde ich die Vorfreude vor dem Aufreissen der durchsichtigen Plastikfolie noch ein wenig genießen, ein ganz kleines bißchen nur noch, und mich nach draußen begeben.



Ach, dass mit dem Warten kenne ich nur zu gut. Bei mir ist es, jeweils im Herbst, der neue Pratchett. Ich genieße dann jede Zeile, weil ich weiß das nach dem Auslesen wieder 12 Monate ins Land gehen werden.
Bzw., so wie es jetzt aussieht: es auch das letzte Buch sein könnte.
Ich habe das bei der Amelia Peabody-Reihe von Elizabeth Peters. Ganz, ganz kitschig. Aber ich mag es so gerne.
Und gerade überhaupt keine neuen Werke dazu in Aussicht
Muss ich die alten alle noch Mal lesen.
Also viel Spaß mit deinem Brunetti! Genieße ihn angemessen bei Sonnenschein, Prosescco und Weinbergpfirsich-Likör! Ich bin in Gedanken bei dir. Prost!
Ach ja, warten, warten…
Ich warte auf den dritten Band der Shadowmarch Trilogie von Tad Williams. Und das wird auch noch ein Weilchen länger dauern…
*sigh*
Und? Inzwischen schon angefangen?
Bin seit heute morgen schon durch. *schluchz*
Du liest ja Bücher in einem Tempo, in dem andere Menschen Chips Tüten platt machen!
[...] Taschenbuch! Ich liebe Taschenbücher! Sie nehmen im Regal nicht so viel Platz weg und man hat mehr Text pro Buchmasse. Hardcover sind so klobig… Darum reiße ich mich bei den allermeisten Büchern zusammen und warte auf die Taschenbuchausgabe. Die einzigen, bei denen ich das nicht schaffe, sind diese. [...]