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Archiv für die Kategorie ‘Erinnerungen’

Mehrmals am Tag fliegt über unsere Köpfe der Rettungshubschrauber hinweg, um irgendwo im Dunstkreis des ca. 500 m entfernten Hauptgebäudes der Uniklinik zu landen. Ich selbst beachte das ehrlich gesagt kaum, der Klang und Anblick kreisender Hubschrauber irgendwo über meinem Kopf ist mir einfach zu sehr vertraut. Nicht nur aus Kiel, wo mehrmals täglich ein Hubschrauber seine Runden weiträumig um den Marinstützpunkt dreht, auch aus der Unistadt, wo ich eine Zeitlang sehr nah am Klinikum wohnte und einmal bei einer meiner Inlinerrunden sogar beinahe auf den Landeplatz des Rettungshubschraubers gefahren wäre.
Die Zimmernachbarin (nicht Omma sondern die andere, jüngere und mit Frau Zimtapfel deutlich kompatiblere) schaut bei dem Geräusch oft sehr erschrocken und besorgt zum Himmel. Wieder ein Schwerverletzter sagt sie dann betrübt. Das müsse sie immer denken, wenn sie so einen Hubschrauber sehe oder höre.
Da hat sie ja im Grunde nicht unrecht. Trotzdem denke ich das irgendwie anders herum.
In meiner Kindheit wurde ein Freund von mir beim Fahrradfahren von einem viel zu schnell durch unser Dorf rasenden Autofahrer angefahren. Mehrfache Knochenbrüche und innere Verletzungen waren die Folge, er wurde mit dem Hubschrauber in die nächste Uniklinik geflogen und schwebte dort auf der Intensivstation einige Tage zwischen Leben und Tod. Ohne den Hubschrauber hätte er wohl keine Chance gehabt.
Wenn ich einen solchen Hubschrauber sehe oder höre, denke ich eher: Wieder einer, dessen Chancen, mit dem Leben davonzukommen durch den Hubschrauber und die entsprechend zeitnahe medizinische Versorgung deutlich erhöht sind.

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Seit letzter Woche weile ich nun, wie der ein oder andere über die diversen anderen Internetkanäle vielleicht schon mitbekommen hat, wieder in einer westdeutschen Uniklinik. Warum das so ist und was ich hier im einzelnen mache tut hier nichts zur Sache, wer darüber Bescheid wissen muss, weiß auch Bescheid. Der Klinikalltag bringt so einiges mit sich, mit dem man im Alltag daheim für gewöhnlich nicht so konfrontiert wird. Deliziöser Klinikfraß, Spritzen, Infusionen und dazu nötige Zugänge und in schon etwas älteren Klinikgebäuden Gemeinschaftsduschen und -Toiletten auf dem benachbarten Stationsflur sind so eine Sache. Eine andere Sache sind Mitbewohner, die man sich nicht aussuchen kann.
Dreibettzimmer. Immerhin ein sehr schönes Dreibettzimmer an der Ecke des Gebäudes, mit vier großen, hohen Fenstern, von denen zwei nach Süden, zwei nach Westen hinausgehen und auf den Klinikpark mit schönen großen alten Bäumen blicken.
Als ich ankam traf ich es gut. Das Zimmer war bereits belegt mit zwei netten Frauen etwa meiner Generation, die eine ein Stück älter, die andere ein Stück jünger, wir verstanden uns auf Anhieb recht gut, es war alles in allem sehr nett. Montag nun wurde die jüngere entlassen, die ältere und ich blieben zwei Tage unter uns. Heute früh dann wieder Zuwachs: Omma.
Omma ist – ich bin schlecht im Alter schätzen – vermutlich gut über 70, sie hat bereits Urenkel, die Enkel sind über dreißig. Omma ist eine liebe, nette Person, aber eben… alt. Bitte nicht falsch verstehen. Ich habe nichts gegen alte Menschen. Mit manchen davon komme ich sehr gut zurecht. Manche machen mich aber auch irre. Und Omma fürchte ich, gehört eher in zweitere Kategorie, so lieb und nett sie auch ist. Omma hat nämlich die Eigenart, bei Dingen, die man ihr gerade eben ausführlichst erklärt hat, ganz entsetzt/überrascht “waaaas? das ist soundso?” zu rufen, wenn man es beim nächsten Mal wieder erwähnt.
Ich erkläre unserem Neuzugang also dies und jenes, zeige, wo was ist, erkläre, wie das mit dem Essen funktioniert (bei der Karte für das Telefon am Bett bin ich überfragt, da ich selbst nur mein Handy benutze, da hilft jedoch die Schwester), zeige, wo es die Kopfhörer für den Minifernseher gibt (wer mich im Fratzenbuch kennt, weiß, wovon ich rede…), erkläre, wie das Ding funktioniert, kurzum, bin nett, freundlich und hilfsbereit. Und weil ich so nett und freundlich bin, hält Omma mich nun für ihre beste Freundin und möchte immer mit mir unten im Park spazierengehen…
Nun habe ich auch – wie man bereits weiß, wenn man mich über Twitter oder Fratzenbuch kennt – auch mein kleines MacBook dabei. Dieses, um damit über diverse Kanäle mit lieben, amüsanten, teuren Mitmenschen zu kommunizieren, aber eigentlich hauptsächlich, um damit Filme oder alberne, peinliche Serien auf DVD zu gucken. Tolle Sache übrigens beim MacBook: Einfach nur das Scheibchen reingeschoben und schwupps springt der bereits vorinstallierte DVD-Player an und dat läuft.

Und an dieser Stelle muss ich ein bißchen ausholen und eine kleine Erinnerung an meine Oma erzählen: Es begab sich irgendwann in meinen Teenietagen, das ich mir – zusätzlich zum erst wenige Jahre zuvor mühsamst errungenen Fernseher – einen Videorecorder wünschte. Ansprechpartner für derartige Wünsche war bei uns meist Oma, die als gute Oma väterlicherseits den armen, bei der bösen Ex-Schwiegertochter lebenden Scheidungskindern nur zu gern alle Wünsche von den Augen ablas.
Also wandte ich mich auch in diesem Fall mit einem gekonnte “Liebste Omi, weißt du, was ich gaaaaaanz dringend zum Geburtstag brauche?”-Augenaufschlag an Oma. Das Oma auf diesen meinen Wunsch jedoch nicht gleich wie erhofft und wie sonst reagierte, lag, wie sich nach ein paar Tagen herausstellte an einem… nennen wir es mal… Informationsdefizit. Oder auch Missverständnis.
Oma wusste zu diesem Zeitpunkt durchaus, das es Videorecorder gibt. Der ein oder andere Nachbar oder Bekannte hatte so einen. Selbstverständlich nur, um damit irgendwelche im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlten kulturellen Hochgenüsse aufzuzeichnen. Denn alles andere, was man mit so einem Recorder anstellen könnte, lag nach Omas Auffassung im Bereich des Unaussprechlichen. Das ich dann auch noch davon sprach, das man damit ja nicht nur vom Fernseher aufgezeichnete Sendungen ansehen, sondern sich auch in der Videothek die sogenannten Videofilme ausleihen könne, schlug dem Fass den Boden aus: Oma war zutiefst schockiert und entsetzt über ihre verdorbene Lieblingsenkelin. Die Lieblingsenkelin wiederum war zutiefst verwirrt über Omas merkwürdige Reaktion…
Da aber Oma und ich über die meiste Zeit ein durchaus gutes Verhältnis hatten und über vieles sprachen, konnte ich nach ein paar Tagen durch erneutes Nachfragen das Missverständnis aufklären:
Oma war – wie auch immer sie zu dieser Auffassung gekommen war – der Ansicht, auf diesen ominösen Videokassetten, die man in diesen höchst obskuren Videotheken ausleihen konnte, seien ausschließlich Pornofilme zu sehen. (Oma sprach das Wort Porno selbstverständlich nicht aus, jedoch gelang es ihr, mir durch diverse ein-, bzw. mehrdeutige Andeutungen klarzumachen, was für schlimme, schlimme Filme sie meinte). Nun denn. Es gelang mir, Oma davon zu überzeugen, das es in Videotheken zwar auch solche Filme gebe, das dort jedoch hauptsächlich ganz normale Filme in den Regalen ständen. Filme, die irgendwann mal im Kino gezeigt worden sind, oder auch im Fernsehen, Filme, die sie sich zum Teil auch irgendwann einmal angesehen hat, ganz normale, mehr oder weniger züchtige Filme eben. Und mit der quasi eidesstattlichen Versicherung, mir selbstverständlich nur solche normalen Filme auf meinem erhofften Videorecorder anzusehen, gelang es mir dann schließlich doch noch, Oma von der Notwendigkeit und vor allem von der völligen Unbedenklichkeit eines solchen Gerätes für meine unsterbliche Seele zu überzeugen.
Das mir diese kleine Episode, über die ich auch nach über 20 Jahren immer noch herzlich lachen muss, gerade wieder in Erinnerung gerufen wurde, hat mit Omma zu tun. Omma, die neue Zimmernachbarin, wir erinnern uns.
Omma sah mich also heute vormittag mit meinem lieben Schleppi auf dem Bett hocken, hier und da was lesen, hier und da was schreiben und immer mal wieder lachen. Während meiner vormittäglichen Infusion sah ich mir eine alte, peinliche Serie auf DVD an. Und Omma fragte natürlich nach: “Da kann man sich ja toll mit beschäftigen, was machen Sie denn damit?” Ich so *denk* Was erzähl ich ihr den jetzt, irgendwas von Twitter, Facebook, Blogs? Die arme ist eh schon so verwirrt… Also sagte ich nur: “Ich…ähm…naja… ich schreib mir halt so im Internet mit so Leuten.” Allein schon das Wort Internet schien Omma nur schemenhaft etwas zu sagen. Aber dann setzte ich noch einen drauf. Eigentlich in der Hoffnung, das Omma damit vielleicht etwas mehr anfangen könnte. “Und dann gucke ich darauf immer DVDs.” Omma guckte noch verwirrter. Die Erfindung und Verbreitung der DVD schien spurlos an ihr vorbeigegangen zu sein (war da nicht was mit Enkeln und Urenkeln?). Also holte ich meine DVD-Nylontasche aus dem Nachtschränkchen, zog eine der silbrigen Scheiben heraus und hielt sie ihr vor die Nase: “Da sind Filme drauf. Die kann ich mir mit dem Rechner angucken.” Omma zeigte sich beeindruckt. “Was es heutzutage alles gibt!”
Aber der Blick. Der Blick mit dem Omma mich beim Anblick der silbrigen Scheiben und der Erwähnung der Filme darauf ansah, dieser Blick glich sehr dem Blick, mit dem Oma mich damals, vor über 20 Jahren beim Äußern meines Videorecorderwunsches bedacht hatte…

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Letzte Nach war ich im Kino. Zum zweiten Mal dieses Jahr. Und habe dabei die Zahl der dieses Jahr direkt mal um 200 Prozent gesteigert. Mir also zwei Filme auf einen Schlag angesehen. So ganz stimmt das allerdings auch nicht, eigentlich war es nur ein Film. Der allerdings aus Gründen in zwei Teilen veröffentlicht worden ist – die Produzenten behaupten, er wäre sonst zu lang geworden, was sie in anderen Fällen jedoch auch nicht gestört hat, die Allgemeinheit weiß, mit zwei Filmen können die Produzenten noch mehr Kohle scheffeln als mit einem. Wie auch immer.
Man ahnt es schon – es geht um den siebten und letzten Teil der Harry Potter-Saga. Deren erster Teil kam irgendwann letzten Winter in die Kinos, da hatte ich gerade ganz andere Sorgen. Nun kam also der zweite und damit endgültig letzte Teil, und weil ich diesen ja nun ohne den ersten nicht sehen konnte und wollte, gab ich mir in voller Härte das Doublefeature zur Preview. Wohl wissend und in Kauf nehmend, das es passieren könnte, das meine müden Glieder mich bereits nach dem ersten Film zwingen könnten, mich schnurstracks nachhause und ins Bett zu begeben und ich diesem, so es so kommen würde, auch bereitwillig nachgegeben hätte. Es wäre sonst ja nur eine echte Quälerei für mich gewesen, sowas kenne ich zur Genüge. Aber, das ist erfreulich, mein Körper war tapfer und hat zwar müde aber nicht zu müde durchgehalten bis zum Schluss, ohne das ich die letzten zwei Stunden alle 30 Sekunden die Sitzposition wechseln musste. (weiß ja nicht, ob sonst noch jemand dieses Phänomen kennt. Elend! Ganz schlimm auf langen, nächtlichen Autofahrten…)
Also gab es heute Nacht für mich beide Filme und daher werde ich sie in meiner Nachbetrachtung als einen behandeln.

Kino und Kaffee um Mitternacht

BTW: Potter-Hasser dürfen gerne weitergehen und woanders weiterlesen und -kommentieren, danke, das Sie hier waren, es gibt nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter.
Potter-Fans, die es geschafft haben, des Film noch nicht zu sehen – das kann ja durchaus vorkommen, schließlich läuft er erst seit letzter Nacht – , das Buch noch nicht gelesen zu haben – was man innerhalb von fast vier Jahren schon durchaus mal schaffen könnte, aber ich weiß schon, es gibt Menschen, die müssen lesen erst lernen, wohingegen sie zum Filme schauen von Natur aus begabt sind -, und insbesondere Fans, die es geschafft haben, die letzten vier Jahre durchs Leben zu kommen, ohne mitbekommen zu haben, wie die Geschichte endet – WIE GEHT DAS??? -, wer also immer noch nicht weiß, wie alles ausgeht und sich vom Film noch überraschen lassen möchte, der sollte an dieser Stelle besser auch nicht weiter lesen.
Wer aber schon lange weiß, das SPOILER SPOILER SPOILER am Ende Harry über Voldemort siegt und alles gut wird, der darf gern weiterlesen. Oder damit noch warten, sich erst selbst ein Bild vom Film machen und dann wiederkommen, weiterlesen und seine Eindrücke mit meinen vergleichen. Aber nun zum Film…

Vorab möchte ich auf einen fast vier Jahre alten Blogpost von Herrn Schaarsen über die Verfilmung von Harry Potter und der Orden des Phönix verweisen, mit den Kritikpunkten darin stimme ich quasi 100% überein. Und nachdem ich vor zwei Jahren nach Harry Potter und der Halbblutprinz aus dem Kino kam mit der Einstellung, das war jetzt die schlechteste Potter-Verfilmung aller Zeiten, war ich dieses Mal doch sehr gespannt auf die Umsetzung des letzten Bandes.
Völlig unzufrieden damit bin ich auch nicht. Viele Dinge sind schön umgesetzt. Die Darstellung Snapes ist von Anfang an, so mein Eindruck, sehr viel weniger negativ als in allen vorigen Filmen, es zeichnet sich allein schon an seinem äußerlichen Erscheinungsbild ab, das er möglicherweise eventuell vielleicht ja doch nicht ganz fies ist. Als er am Ende dann als einer von den Guten rehabilitiert wird (“Nach all den Jahren?” – “Immer!” Hach, Severus!), kommt diese Wendung irgendwie nicht mehr allzu überraschend. Wiewohl die Erinnerung im Denkarium sehr unvollständig ausfällt, beispielsweise wird Petunia von Anfang an als Giftspritze hingestellt, die ihre Schwester Lily ob ihrer magischen Talente als Missgeburt beschimpft. Das sie ihr diese Fähigkeiten anfänglich eher neidete, eigentlich auch gern nach Hogwarts gegangen wäre und dann, weil sie nicht durfte, langsam einen Hass auf dieses ganze Zauberergedöns entwickelte, wird unter den Tisch fallen gelassen.
Ganz herrlich: Ralph Fiennes als Lord Voldemort. Voldemort kommt in diesem letzten Teil der Saga im Gegensatz zu den früheren Teilen mehr als nur am Rande vor, wir sehen ihn immer wieder auf der Suche nach dem richtigen Zauberstab (dazu später mehr) oder bei Sitzungen mit seinen Todesserkumpeln. Und, erstaunlicherweise, der böseste aller Zauberer, der dabei ist, die ganze Welt, Zauberer wie auch Muggel, seiner Schreckensherrschaft zu unterwerfen, kommt irgendwie fast ein bißchen sympathisch oder gar witzig rüber. An einigen Stellen war ich immer wieder versucht, zu fragen, wo Voldemort wohl seine Maniküre machen lässt. Er ist der böseste aller Oberschurken, er hat eine riesige Anhängerschar böser Zauberer, und doch merkt man immer wieder: er fürchtet um seine Macht. Er hat Angst. Er fühlt sich bedroht von diesen drei kleinen Teenies, die ihm auf den Fersen sind. Er merkt irgendwann, das sie nach und nach seine Horkruxe zerstören und man sieht plötzlich: er leidet. Ein bißchen denkt man sich so: ja, soweit kann es kommen, wenn ungeliebte, ungewollte Waisenkinder immer nur herumgestoßen werden. Sie geraten irgenwann auf die schiefe Bahn und werden so richtig, richtig böse. Also Leute, seid nett zu Waisenkindern. Besonders, wenn sie magische Fähigkeiten haben.
Sehr schön gespielt fand ich die ganze Ron-und-Hermine-Nummer. Insbesondere Rupert Grint als Ron hat mir da sehr gut gefallen, der hat da fast immer, wenn er sie ansieht, so einen wunderschön bewundernd-schmachtenden Blick drauf, herrlich! Als die Nummer dann irgendwann während des furiosen Finales in Hogwarts in einer sehr leidenschaftlichen Kuss-Szene gipfelt, brach tatsächlich der ganze Kinosaal, der erstaunlicherweise zu 80% aus postpubertären Jungs bestand, spontan in kollektives Gehache aus.
Ganz wunderschön fand ich auch die Szene, in der Harry am Weihnachtsabend in GodricsHollow plötzlich vor dem Grab seiner Eltern steht und Hermine dazukommt. Hermine ist eben einfach die Beste! (Gut gefallen hat mir da auch die Stelle ganz am Anfang, die im Buch so gar nicht vorkommt, dort wird sie nur kurz von ihr erzählt, in der Hermine sich selbst aus den Erinnerungen ihrer Eltern löscht und ihr Elternhaus verlässt. Das ist schön gemacht und hat in der schmerzhaften Notwendigkeit, die darin zum Ausdruck kommt, etwas sehr bewegendes.)
Wenn wir aber gerade schon in GodricsHollow sind, kann ich da auch gleich mit meinen Kritikpunkten anknüpfen. GodricsHollow: ein altes Zaubererdorf, in dem im Buch etliche Fäden der Geschichte zusammenlaufen. Jedoch macht dieser Film es wieder so, wie etliche seiner Vorgänger: er lässt viele wichtige Handlungsstränge glattweg unter den Tisch fallen. Die ganze Dumbledore’sche Familientragödie, der tragische Tod seiner Schwester Ariana und dessen Vorgeschichte, das daraus folgende Zerwürfnis mit seinem Bruder Aberforth, die Jugendfreundschaft mit dem dunklen Magier Grindelwald und seine zweitweilige Begeisterung für dessen …hm… gesellschaftspolitische Vorstellungen. All dies ist für die Geschichte eigentlich essentiell, kommt im Film aber nicht vor, bzw. wird lediglich in einer kurzen Szene von Aberforth mit zwei Sätzen abgehandelt. Auch die mit dieser Geschichte, bzw. Dumbledores Sieg über Grindelwald eng in Zusammenhang stehende Zauberstab-Geschichte finde ich sehr wenig zufriedenstellend dargestellt. Auch die Frage, ob der Tarnumhang, den Harry von seinem Vater geerbt hat, tatsächlich der Mantel aus der Legende von den Heiligtümern des Todes handelt, taucht gar nicht auf, wobei dieses Detail ausnahmsweise eines ist, das nicht ganz so essentiell für die Geschichte ist.
Auch die Rolle von Wumschwanz im Finale kommt zu kurz. Der Mann, den Harrys Eltern für einen Freund hielten und der sie an Voldemort ausgeliefert hat, der dafür gesorgt hatte, das Sirius statt seiner jahrelang in Askaban schmachtete, der in einer absolut gruseligen Szene im vierten Band Voldemorts körperliche Gestalt wieder zum Leben erweckt, tritt nur in ein paar Szenen als Statist auf. Das er jedoch kurz zögert, Harry im Verlies bei den Malfoys anzugreifen, weil er einen Moment daran erinnert wird, das Harry einst (in Band drei) verhinderte, das er direkt getötet wird und er deshalb in seiner Schuld steht und das er zur Strafe gleich darauf selbst von seiner eigenen, von Voldemort geschaffenen künstlichen Hand erwürgt wird, das kommt schlicht nicht vor. Reichlich unwürdiger Abgang einer für die gesamte Geschichte doch ziemlich wichtigen Figur, finde ich.
Ebenfalls überhaupt nicht vor kommt die Geschichte von Kreacher, dem Hauselfen der Blacks. Sicherlich, er kommt vor, er sagt, wer sich das Medaillon unter den Nagel gerissen hat, aber das war es auch schon. Die ganze Geschichte der Wandlung der miesepetrigen, “Schmammblüter und Blutsverräter” abgrundtief hassenden, seiner verstorbenen Herrin nach wie vor treu ergebenen und sich gelegentlich bei deren Verwandtschaft im Hause Malfoy ausheulenden Kreatur zum freundlichen, fürsorglichen, Harry und seine Freunde liebevoll umsorgenden und bekochenden Hauselfen, der letztlich in der Schlacht um Hogwarts die dortigen Hauselfen gegen die Todesser anführt – fehlt. Was besonders schade ist, da in diesem Zusammenhang natürlich auch nicht die von Kreacher berichtete wahre Geschichte um Sirius’ Bruder Regulus Arcturus Black – R.A.B. – ans Licht kommt.
Gut, jeder einzelne kleine Handlungsstrang, der in einem Buch vorkommt, kann in dessen Verfilmung natürlich nicht berücksichtigt werden, das ist einfach so. Da muss man Abstriche machen.
Was mich aber am allermeisten von den ganzen fehlenden Handlungssträngen ärgert, ist das mit Neville. Man erinnert sich, Neville, der plumpe, ängstliche, vergessliche Junge, der sich im Laufe der Geschichte aber immer mehr zu einem der mutigsten Unterstützer Harrys mausert. Im Buch ist es Neville, der nach Harrys vermeintlichem Tod von den Todessern gefangengenommen und vorgeführt wird, sie ziehen ihm den sprechenden Hut über den Kopf (in Unkenntnis darüber, womit sie es zu tun haben?), er zieht – den er ist ein wahrer, mutiger Griffindor – das Schwert Godric Griffindors daraus hervor und tötet damit die Schlange Nagini. Gezielt. Weil Harry ihm, bevor er in den Verbotenen Wald gegangen ist, gesagt hat, sie müssten unbedingt die Schlange töten, da diese der letzte Horkrux sei. Und in der Filmfassung? Da findet Neville wie zufällig das Schwert auf dem Boden herumliegen, nimmt es, blickt auf, sieht, das Ron und Hermine von der Schlange verfolgt werden und geht halt spontan und wiederum wie zufällig dazwischen. Kopf ab, Schlange kaputt, soweit, so gut.
Was mich daran, also daran, das das so ganz zufällig daherkommt, so stört, ist die Sache mit der Prophezeihung. Ich erinnere mich jetzt nicht, ob das im siebten Band nochmal thematisiert wird, aber im fünften, oder auch ochmal im sechsten, als es um die Prophezeihung geht, da erzählt Dumbledore Harry, das diese Prophezeihung dem Wortlaut nach genauso auch auf Neville zugetroffen hätte. Das aber Voldemort durch seinen Angriff auf Harry ihn unter den beiden Jungen als seinen Widersacher ausgewählt habe. Und ich hatte beim Lesen des siebten Bandes so ein bißchen den Eindruck, das es eben nicht zufällig Neville ist, der Nagini tötet. Sondern das er damit einen Teil der Prophezeihung miterfüllen soll, das er damit zeigen soll, das es durchaus auch er hätte werden können, der Voldemort endgültig erledigt. Das war mein persönlicher Eindruck beim Lesen, wie Frau Rowling es sich tatsächlich gedacht hat kann ich natürlich nicht wissen. Aber dieses zufällige, dieses einfach nur spontane dazwischengehen, das macht in meinen Augen Nevilles Anteil am Sturz Voldemorts kleiner, als ihm gebürt.
Das waren mal eben eine Handvoll meiner Kritikpunkte, sicherlich gibt es noch mehr, aber der Tag neigt sich dem Ende zu, der Schreibfluss gerät langsam ins Stocken, nebenher noch zwei Halbfinals gucken ist auch nicht ganz ohne, wie auch immer.
Der Punkt, der mich am fünften und noch viel mehr am sechsten Film besonders gestört hat und der auch im oben verlinkten Artikel von Herrn Schaarsen besonders gut zum Ausdruck kommt, diese unzusammenhängende Aneinanderreihung einigermaßen wichtiger Szenen, der trifft durchaus auch auf den siebten Teil (besser gesagt die beiden siebten Teile) zu, ist hier jedoch wieder, dies können wir evtl. als positiven Punkt verbuchen, wieder weniger stark ausgeprägt als im ganz, ganz grauslichen sechsten Teil. Und somit ist es für mich schon wieder irgendwie ein einigermaßen guter, versöhnlicher Abschluss dieser wunderbaren Geschichte, die für mich begann, als meine zweitälteste Freundin mich im Dezember 2001 ins Kino schleifte, in einen Film, der mich damals nicht wirklich interessierte, der mich dann aber doch fesselte, und nach dem ich die zu diesem Zeitpunkt erschienenen ersten vier Bücher in kürzester Zeit verschlang. Die Ära der HarryPotter-Bücher endete bereits vor vier Jahren, die Ära der Filme ist nun, fast 10 Jahre danach auch zuende.
Die Bücher werden für immer in zwei Sprachen in meinem Bücherschrank stehen. Die Filme… nun ja, die werden ja immer mal wieder im TV wiederholt. Und wie ich vorhin schon zu einer Freundin sagte: Vielleicht kommt, wie bei allen populären Themen, in 20 Jahren oder so jemand an und verfilmt den ganzen Stoff nochmal neu. Und das wird dann vielleicht besser.

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Eigentlich lag mir noch ein Blogpost in den Fingern, über meine Eintracht, über den Kampf um den Klassenerhalt und über meine persönliche Erinnerung an den letzten Bundesligaspieltag des Frühjahrs 1999, an dem ich es nicht aushielt, mir die NDR-Livekonferenz anzuhören, um 15 Uhr 31 alle Medien ausschaltete und mich ganz meiner Empiriehausarbeit widmete. Und erst am Abend beim ersten Besuch der allerliebsten, allerältesten Freundin in meiner WG erfuhr, das meine Eintracht tatsächlich, was keiner mehr für möglich gehalten hatte, in einem furiosen Saisonfinale doch noch den Klassenerhalt geschafft hatte.
Aber nun bin ich nach einem echt schrägen Tag unendlich müde, werde morgen den halben Tag im Zug sitzen und den Rest des Tages mit lieben Menschen einen hoffentlich tollen ESC gucken und wenn ich wieder zum Schreiben komme, ist die Saison gelaufen. So oder so. Also egal.
Wen interessieren schon meine Erinnerungen.

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Immer wieder rufe ich diverse Nachrichtenportale auf, immer wieder aktualisiere ich die Seiten, immer wartend auf den Rücktritt unseres Herrn Verteidigungsministers. Denn ich finde, da gibt es gar nichts, dieser Rücktritt ist unausweichlich.
Das hat nichts damit zu tun, das ich mich eher dem anderen politischen Lager zugehörig fühle und daraus auch selten einen Hehl mache.
Das hat etwas damit zu tun, das es mich einfach ärgert, das es mich wahnsinnig ärgert, das dieser Freiherr sich in einer Selbstverständlichkeit und offen zur Schau gestellten Dreistigkeit Dinge rausnimmt, die so einfach nicht in Ordnung sind. Für die jeder andere mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt würde.
Zu den Dingen, die von den Verteidigern des ehrenwerten Gutti in den letzten Tagen immer wieder vorgebracht werden, gehören Aussagen wie:
“Jeder hat doch schonmal abgeschrieben.”
Jeder? Würde ich anzweifeln, aber lassen wir das. Klar, die allermeisten haben irgendwann schonmal abgeschrieben. In der Grundschule hat die Lehrerin dann mit dem Zeigefinger gedroht und “Dududu, lass das mal schön bleiben!” geschimpft. Später in der weiterführenden Schule entzog der Lehrer bei Erwischtwerden dann schon knallhart die Arbeit und bewertete sie mit ungenügend, ganz egal, was man bis dahin schon an richtigen Inhalten fabriziert hatte.
Und später an der Uni, da wurde es dann richtig lustig. Da lernten wir einerseits, das man zwar durchaus abschreiben darf, das man das aber andererseits unbedingt als abgeschrieben, oder nennen wir es Zitat, das klingt hübscher, kenntlich machen muss. Und das man, wenn man das Zitat nicht wortwörtlich übernimmt, sondern umformuliert und die Anführungszeichen weglässt, dennoch dazuschreiben muss, wo man den Gedanken her hat. Denn alles andere ist Ideenklau. Diebstahl geistigen Eigentums. Sich mit fremden Federn schmücken. Das schöne ist: Man darf in einer wissenschaftlichen Arbeit Zitate, Ideen, Gedanken, Formulierungen und Untersuchungsergebnisse anderer verwenden, soviel man nur mag. Daran ist überhaupt gar nichts verwerfliches. Aber, und das ist es, was der ehrenwerte Herr Minister leider irgendwie vergessen haben muss, man muss sie als solche kenntlich machen. Und man muss sämtliche Texte, Bücher, Tabellen, Artikel, aus denen man zur Erstellung dieser Arbeit irgendeinen Nutzen gezogen hat, in einem Literatur- oder Quellenverzeichnis aufführen.
Ich schreibe das deshalb so krümelkackerisch-detailliert, weil ich in der Diskussion der letzten Tage ein wenig den Eindruck gewonnen habe, das jemand, der selbst nie einen Blick in diesen Wissenschaftsbetrieb geworfen hat, gar nicht so recht verstehen kann, was da eigentlich passiert ist und gerade passiert. Und das das unter anderem ein Grund dafür ist, das wasweißichwieviele Prozent der Blödzeitungsleser den ehrenwerten Herrn Minister gern als solchen behalten möchten. Denn was hat der schließlich böses getan? Ein kleines bißchen geschummelt, na und, haben wir doch alle schonmal, zwinkerzwinker. Das macht ihn doch nur zu einem von uns, den hochherrschaftlichen vonundzu Gutti.
Es ärgert mich, wenn ich mich daran erinnere, wie ich nicht nur bei meiner Diplomarbeit, sondern auch bei etlichen Seminar-Hausarbeiten kurz vor dem Abgabetermin nächtelang am Schreibtisch saß, um nochmal sämtliche Zitate, Fußnoten, Quellen, das Literaturverzeichnis, einfach alles, auf Vollständigkeit und Richtigkeit zu überprüfen. Voller Angst, dabei auch nur eine winzige Kleinigkeit zu übersehen und deswegen von der Uni geworfen zu werden.
Und dann stellt sich der ehrenwerte Herr Minister vor die Kameras handverlesener Pressevertreter und erzählt charmant lächelnd und um Nachsicht werbend, wie er seine Doktorarbeit über sieben Jahre hinweg neben seiner Tätigkeit als Politiker und seinen Verpflichtungen als junger Familienvater angefertigt habe. Ach ja, der Ärmste! Ich nehme an, insbesondere die Passage mit dem jungen Familienvater soll beim gemeinen Volk ein wenig auf die Tränendrüse drücken und ein bißchen Mitleidsbonus gutmachen. Wir sehen doch alle direkt vor uns, wie der ehrenwerte hochwohlgeborenen Herr Minister, ein schreiendes Baby auf dem Arm, Milchflasche und Kackwindel in der Hand, mit den letzten zwei freien Fingern mit müdigkeitszerfurchtem Gesicht und meterdicken Augenringen – das Kind zahnt gerade! – noch an seiner Doktorarbeit tippt. Da kann man schonmal ein oder zwei Fußnoten vergessen, ach ja, der arme Mann.
Ich habe selbst keine Doktorarbeit geschrieben und ich habe auch keine Kinder. Aber ich weiß dennoch, das die soeben beschriebene Szenerie Alltag ist bei zahllosen Doktoranden und Doktorandinnen in Deutschland. Diese Phase einer wissenschaftlichen Karriere fällt ganz logisch bei vielen zusammen mit der Familiengründungsphase. Eine immens großer Zahl macht den Doktor und bekommt gleichzeitig eins zwei drei Kinder und zieht diese auf, ein nicht minder großer Teil geht nebenher noch einer ganz regulären Arbeit nach um den Lebensunterhalt zu finanzieren, teilweise fallen auch beide Gruppen zusammen. Und die allerwenigsten davon, möchte ich meinen, haben dabei den familiären und finanziellen Background des ehrenwerten Freiherrn vonundzu. Und trotzdem, so unglaublich es klingen mag, macht der allergrößte Teil davon seine Arbeit ordentlich. Kennzeichnet Zitate als Zitate, belegt seine Quellen, setzt seine Fußnoten richtig. Und bekommt am Ende der ganzen Prozedur als Lohn für die jahrelange harte Arbeit vollkommen zu Recht seinen Doktortitel verliehen. Wenn der ehrenwerte Herr Minister sich also hinstellt und das junger Vater sein charmant lächelnd als Ausrede für ein paar kleine Fehler vorbringt, die ihm da womöglich unterlaufen sind, das ist das angesichts der tatsächlichen Anzahl der Fälle nicht nur extrem unverfroren, sondern darüberhinaus auch ein Schlag ins Gesicht für alle Mütter und Väter, die ihre Doktorarbeit trotz Doppel- oder Dreifachbelastung fertigstellen, ohne dabei dreist zu plagiieren.
Noch so ein Einwand ist, man solle den ehrenwerten Herrn doch bitte, solange er keine Straftat begangen hat, ausschließlich nach seinen politischen Leistungen beurteilen. Nun ja. Welche politischen Leistungen? mag da mancher fragen, aber lassen wir das hier. Was die strafrechtliche Relevanz der ganzen Geschichte angeht, ich habe keine Ahnung. Ich erinnere mich aber, das ich meiner Diplomarbeit bei der Abgabe ein Blatt anhängen musste, auf dem ich mit meiner Unterschrift versicherte, diese Arbeit völlig eigenständig angefertigt und alle dafür hinzugezogenen Quellen auch als solche gekennzeichnet zu haben. Eine Doktorarbeit habe ich wie gesagt nie geschrieben, aber da diese in der universitären Rangordnung über der Diplomarbeit steht, gehe ich davon aus, das die Prüfungsordnungen dort einen ähnliches Passus vorschreiben. Das man also auch dort mit seiner Unterschrift versichert, die Arbeit allein, ohne fremde Hilfe angefertigt zu haben. Und alle benutzten Texte gekennzeichnet und im Literaturverzeichnis aufgeführt zu haben. Wenn dem so ist und ich gehe mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon aus, das dem so ist, dann stellt sich doch eigentlich nur eine Frage:
Was ist die Unterschrift dieses ehrenwerten Herrn Ministers eigentlich wert?
Es ärgert mich. Es ärgert mich, wenn ich an all die Zeit denke, die ich mit Arbeit verbracht habe, die dieser ehrenwerte Herr nicht für nötig gehalten hat. Es ärgert mich, wenn ich an all die Studentinnen und Studenten denke, die gerade über ihren Hausarbeiten, Diplomarbeiten, Examensarbeiten, Doktorarbeiten sitzen, diese vollständig selbst schreiben und dabei Fußnote um Fußnote sorgfältig überprüfen. Es ärgert mich, wenn ich daran denke, was für ein falsches Signal es setzen würde, wenn dieser ehrenwerte Herr Minister nun mit seiner Masche durchkommen würde.
Und weil es mich so unglaublich ärgert, aktualisiere ich stündlich die diversen Nachrichtenportale, immer wieder auf die Rücktrittsmeldung hoffend.

PS: Als kleine Ergänzung hier auch Frau Nessys kluge Worte zum selben Fall:
Dr. strg. c strg. v

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Feronia, die sich dieser Tage zu Recht über den hiesigen Zustellservice aufregt, rief zur Blogparade auf: “Warum hasst ihr DHL?”
Nun, ich muss gestehen, hier in Kiel habe ich eigentlich keinen Grund zur Klage. Unser zuständiger Paketzusteller ist immer freundlich und kommt in Stoßzeiten wie kurz vor Weihnachten auch noch abends um acht mit Paketen beladen emsig die Treppe hochgestapft. Ist man mal nicht zu Hause, werden die Pakete bei Nachbarn abgegeben, auch das funktioniert sehr gut, ebenso wie wir gern Pakete für Nachbarn annehmen, wenn diese gerade nicht da sind. Alles bestens also.
Wie das am neuen Wohnort wird, das bleibt abzuwarten, die dortigen Zustellgepflogenheiten werden noch zu erruieren sein. Irgendetwas zu bloggen muss ich schließlich auch dort haben, und da es dort weder eine Förde noch große Segelschiffe noch eine Kieler Woche noch eine kleine Kanalfähre zum Einkaufen gibt – über so einen popeligen kleinen Mittelandkanal braucht es halt keine Fähren – bleiben ja eigentlich nur Alltagsfreuden wie die Zustellgewohnheiten der Paketdienste.
Aaaaaber wenn ich mal ein paar Jahre zurückgehe – damals in der Unistadt, da gab es einmal eine Geschichte, nach der ich den DHL-Mann gut aufs Rad flechten und vierteilen hätte können.
Ich hatte mir Schuhe bestellt. Wunderhübsche Schnürschuhe in einem wunderschönen, warmen Braunton. Und wartete sehnlichst darauf. Also kam ich eines Abends von der Arbeit, von einem der beiden Nebenjobs, die ich zur Examenszeit hatte, und fand im Briefkasten einen Zettel vom Zusteller. “Nicht angetroffen… abzuholen heute ab 18 Uhr in der Hauptpost am Bahnhof.”
Es war ein regnerischer, dunkler Novemberabend, aber es war noch nicht allzu spät, so das besagte Hauptpost noch geöffnet war. Also schwang ich mich, obwohl vom Tage erschöpft und außerdem ziemlich hungrig, schnell nochmal aufs Rad und begab mich zur Hauptpost am Bahnhof. Schließlich wollte ich schnellstmöglich diese wunderhübschen Schuhe in meine Arme schließen.
Bei der Post zunächst wie üblich eine Weile Schlangestehen. Dann war ich dran, überreichte der jungen Dame am Schalter mein Zettelchen und freute mich. Gleich würde es soweit sein! Gleich würde ich einen Karton überreicht bekommen, damit nachhause eilen, ihn öffnen und endlich meine neuen Schuhe in die Arme schließen!
Doch die junge Frau kam ohne Karton zurück. “Moment noch bitte, kann ich grad nicht finden, ich frag mal nach”, besprach sich mit einem Kollegen, beide verschwanden wieder nach hinten und kamen nach einer Weile erneut ergebnislos wieder. “Leider nicht da… wohl doch noch im Zustellfahrzeug… kommen Sie doch bitte morgen nochmal wieder…” wurde ich abgefertigt. Grrrrr! Da radele ich extra, obwohl müde, erschöpft und am verhungern, nochmal los, und dann sowas.
Ärgerlich, enttäuscht, entnervt schlich ich mit hängenden Schultern nachhause.

Am nächsten Morgen, ich wollte gerade das Haus verlassen, stecke meine Lieblingsnachbarin den Kopf aus der Wohnungstür und rief mich zurück. Sie habe ein Paket für mich! Ich: “????”
Es waren – meine schönen neuen Schuhe. Freude!
Aber auch Verwirrung, schließlich hatte ich ja den Zettel mit “bei der Post abzuholen” im Kasten gehabt.
Tja. Es stellte sich heraus, das der Zusteller zunächst niemanden angetroffen hatte und folglich jenen Zettel ausgefüllt und eingesteckt hatte. Dann aber war die Lieblingsnachbarin erschienen und er hatte ihr das Paket für mich einfach in die Hand gedrückt. Vermutlich froh, ein Paket mehr losgeworden zu sein und sich ansonsten keine weiteren Gedanken machend.
Denn wie, lieber Zusteller, wie soll ich, wenn ich diesen Zettel im Briefkasten habe, ahnen, das das Paket doch nicht auf der Post, sondern bei meiner Nachbarin lagert? Woher soll ich wissen, das ich mich vollkommen umsonst auf den Weg mache und Zeit mit durch den verregneten Abend radeln und Schlangestehen verplempere, die ich auch gut anderweitig hätte brauchen können? Oder erwartest du, das die Nachbarin, der du das Paket in die Hand gedrückt hast, den Rest des Tages im Treppenhaus lauert, bis ich nachhause komme und sie mir mein Paket überreichen kann?
Damals war ich einfach nur froh, mein Paket doch noch bekommen zu haben. Heute würde ich vermutlich einen bitterbösen Brief an den Laden schreiben.

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Vor einem Jahr habe ich hier stolz meinen Adventskranz präsentiert. Dieses Jahr gibt es hier keinen.
Letztes Jahr trat neben dem Adventskranz noch ein leckerer, würzig duftender Rotweinkuchen auf, Startschuss zu meiner jährlichen mehrwöchigen Plätzchenbackorgie. Dieses Jahr verlässt nicht eine einzige Plätzchensorte meinen Backofen.
Auch der Adventskalender ist dieses Jahr abwesend in unserem Haushalt.
Der Grund für all diese Abwesenheit: Wir ziehen in zweieinhalb Wochen um. Da passt es einfach nicht. Ich mag nicht mit einem halbabgebrannten Adventskranz umziehen, ich mag nicht mit Plätzchenduft gemütliche Stimmung heucheln, wo doch in Wirklichkeit gerade alles immer ungemütlicher wird, während die Wohnung nach und nach in braunen Kartons verschwindet. Ich mag keinen Adventskalender bestücken, wenn der Liebste seine Päckchen doch nur am Wochenende und oft nichteinmal dann öffnen kann.
Ich mag nicht, ich habe mich bewusst dazu entschieden, das alles dieses Jahr auszulassen. Und dennoch tut es mir schrecklich weh. Denn die Welt um mich herum steht ja trotzdem nicht still, die Welt um mich herum hüllt sich wie jedes Jahr um diese Zeit in vorweihnachtlichen Zauber. Den ich teils recht kitschig, mehrheitlich aber wunderschön finde. Nur genießen kann ich ihn dieses Jahr nicht.
Gerade haben wir hier wundervollstes Winterwetter. Heute Nacht hatte es knackige minus 11 Grad, den ganzen Vormittag fielen Rudelweise dickste Schneeflocken vom Himmel und gesellten sich am Boden zu denen, die dort schon seit drei Tagen liegen. Ein herrlicher Anblick, der mich normalerweise unvorstellbar glücklich machen würde. Normalerweise. Dieser Tage kann ich beim Blick aus meinen Fenstern nur daran denken, das mir dieser Ausblick nicht mehr lange gehören wird.
Hinzu kommt noch, das ich schlecht schlafe, seit Wochen schon. Das ich nachts schwitzend, mit heftigem Herzklopfen und rasenden Gedanken wachliege, voller Panik, das all das, was noch nötig ist, die neue Wohnung bewohnbar zu machen, nicht rechtzeitig fertig wird. Das die neue Küche angeliefert wird und sich dann herausstellt, das ich mich vollkommen vermessen habe und rein gar nichts passt.
So viel ich mir auch klarmache, das natürlich alles klappen wird und natürlich alles passt, so ganz lässt sich die Angst nicht unterdrücken.
Ach, es ist einfach gerade eine wirklich beschissene Zeit. Die beste Devise ist wohl Augen zu und durch, irgendwie die nächsten Wochen überstehen und darauf bauen, das, einmal am neuen Wohnort angekommen und eingerichtet, alles besser wird. Die Vorweihnachtszeit ist dann so gut wie vorbei. Es ist traurig, es ist doof, es ist zu allem, was ohnehin schon doof ist, nochmal megadoof, das es halt ausgerechnet jetzt in der Vorweihnachtszeit ist und mir diese
so völlig vergeigt.
Aber nächstes Jahr kommt ja eine neue Adventszeit. Nächstes Jahr kann ich wieder meine acht bis zehn üblichen Plätzchensorten backen, meinen Adventskranz schmücken und allerleih hübsche Dinge aufstellen und aufhängen, weihnachtlichen Duft und gemütliche Stimmung verbreiten. Und mir jetzt schon überlegen, was für Adventsschnickeldi ich vielleicht noch anschaffen könnte, was ich dann in der neuen Wohnung wo plazieren werde.
Nächstes Jahr. Alles wird gut.

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Tee

Neulich stieß ich in irgendeinem der Blogs, die ich gelegentlich lese, auf einen Namen. Teekampagne. Nur der Name, kein Link dabei. Trotzdem war die Erinnerung sofort da.
Bei der Teekampagne bestellte meine Mutter ihren Tee bereits in den Achtzigern. Ganz ohne Internet damals. Ich habe keine Ahnung und kann sie auch nicht mehr danach fragen, wie sie einst darauf gekommen ist. Aber in unserem Dorf und unserer Kleinstadt existierte schon damals eine verhältnismäßig große und gut vernetzte “Öko”szene, so das der Zusammenhang wahrscheinlich irgendwo dort zu finden ist.
Der Tee wurde jährlich in riesigen Packungen angeliefert und bei uns für den täglichen Gebrauch in eine alte, abgestoßene Teedose mit der Aufschrift “Finest Earl Grey Tea” aus dem Hause Winston abgefüllt. Es ist zu vermuten, das sich etwa das erste Jahrzehnt meines Teetrinkens fast ausschließlich auf diesen Tee beschränkte. Darjeeling, nur Darjeeling. Denn, wie es auf der Seite der Teekampagne heißt, “Wenn Sie den besten Tee der Welt kaufen können, warum dann noch andere Tees trinken?”
Irgendwann, so zu Beginn der Oberstufe, kam die Zeit, da im Mitschülerinnenkreis zu Geburtstagen regelmäßig niedliche Tee-Geschenktütchen und -körbchen aus schnuckeligen, hippen Teelädchen der benachbarten Unistadt verschenkt wurden. In der Regel aromatisierte Tees mit romantisch klingenden Bezeichnungen. Damals mochte ich das. Vielleicht mochte ich auch einfach die den Tee verschenkende Geste. Jedenfalls trank ich ihn, einige Jahre lang.
Bis mir irgendwann auffiel, das mir dieses aromatisierte Zeug eigentlich überhaupt nicht schmeckt. Das mir von zuviel davon schlecht wird, das ich nach mehr als einer Tasse Sodbrennen bekomme.
Und so landete ich nach einigem herumprobieren letztendlich wieder bei der Teesorte, mit der mein Teetrinken vor Jahrzehnten begonnen hat. Dem guten alten Darjeeling.
Und, angestoßen durch diesen kleinen Erinnerungsflash, denke ich, es ist an der Zeit, einmal auszuprobieren, ob der Tee von der Teekampagne in den Zeiten weltweiter Vernetzungen noch genauso schmeckt, wie im nordhessischen Dörfchen in den internetlosen Achtzigern. Und mir dort eine Ladung bestellen. Nach dem Umzug.

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Vor einigen Wochen lag bei der Schildmaid ein Stöckchen herum, das ich heute endlich mal aufsammle. Es geht darum, ca. sechs erste Male zu schildern. Ganz egal was für welche. Vom ersten Tag im Kindergarten bis zum ersten Besuch den neuen häuslichen Pflegedienstens geht alles.

Hier also meine ersten Male:

1. Mein erstes Mal in der Notaufnahme – spielt in der Uniklinik von Gö-Town. Es war das erste Jahr in meiner WG, es war der Tag vor Heiligabend. Meine Mitbewohner waren bereits nachhause zum elterlichen Weihnachtsbaum aufgebrochen, aber ich hatte es ja nicht so weit und wollte bis kurz vor Schluss bleiben, allzuoft hatte ich die Wohnung ja nicht für mich. Abends wollte ich mir eine Suppe aus der Dose warmmachen und mir dazu ein Brötchen vom Vortag schmieren. Das Brötchen schnitt ich in der Hand auf. Soll man ja nicht, heute weiß ich, warum. Es war schon etwas härter, ich drückte mit dem Messer fester auf, das Messer rutsche ab – und als nächstes sah ich, wie das Blut in rhythmischen Stößen meterweit aus meinem kleinen Finger schoss. Ein breiter Spalt klaffte auf Höhe des zweiten Gelenks. Trotzdem war ich der Meinung, es würde reichen, wenn ich ein bißchen Verbandszeug darumwickeln und die Hand ein, zwei Tage ruhig halten würde. Auf der Suche nach Verbandszeug wuselte ich durch die Wohnung, vergeblich, dann fiel mir ein, das ich ja im Auto einen Verbandskasten hatte, also die Treppe runtergesprungen, um diesen zu holen. Auf dem Weg zurück gabelte mich die Argentinierin aus der WG unter uns auf, als ich ihr munter erzählte, was passiert war und ihr den Finger zeigte, verfrachtete sie mich schnurstracks in ein Taxi, das mich in die Notaufnahme der Uniklinik brachte, wo der Schnitt dann mit zwei Stichen genähnt wurde. War wohl auch besser. Als ich Stunden später wieder nachhause kam, wischte ich noch schnell einhändig die Küche auf. Die sah nämlich aus, als hätte ich da ein Schwein abgestochen.

2. Meine erste Dauerwelle. Ja, hatte ich. Und habe ich auch heute, die wievielte weiß ich nicht, irgendwann habe ich aufgehört, mitzuzählen, aber ich mache das ein bis zweimal im Jahr und stehe dazu. Meine Haare sind leider von Natur aus sehrsehr dünn und ganz extrem glatt (jede Frisörin, die meine Haare ungewellt in die Finger kriegt, meint, sich erstmal lang und breit darüber auslassen zu müssen), und so helfe ich eben mit der chemischen Keule nach, um sie ein klein wenig wuscheliger zu machen.
Die erste Dauerwelle meines Lebens also war mit vierzehn. In einem Frisörgeschäft in Gö-Town, dem ersten, wenn man vom Bahnhof kommend in Richtung Innenstadt geht, denn sämtliche Besuche in der verheißungsvollen großen etwas größeren Stadt liefen damals über den Bahnhof. Es war das Jahr, in dem ich das erste Mal in Griechenland war, das Jahr, in dem ich auf dem Michael Jackson-Konzert in Hannover war. Ich fand Michael Jackson eigentlich nur so naja, ganz ok, hätte mir nie eine Karte gekauft. Aber die Schwester hatte eine, hatte aber kurz vorher keine Lust mehr und überließ mir die Karte.

3. Mein erster (und bisher leider einziger) Hubschrauberflug war im Frühjahr 2006 hier in Kiel. Ich war über Ostern eine Woche beim Liebsten zu Besuch. Der Liebste war während seiner diversen Auslandseinsätze schon öfter Hubschrauber geflogen – da hat er im Gegensatz zu Flugzeugen komischerweise auch keine Flugangst – für mich war es ein großer und bisher unerfüllter Traum. In dieser Urlaubswoche nun fand in einem hauptsächlich aus etlichen Autohäusern bestehenden Gewerbegebiet eine Art Straßenfest statt – und auf dem nahen Nordmarksportfeld wurden 10minütige Hubschrauberrundflüge angeboten. (Das dieser Sportplatz so heißt, lernte ich erst, als ich zwei Jahre später nach Kiel zog.) Und weil der Liebste der Liebste ist, lud er mich zu einem Flug ein. Hach! Toll! Einmal Kiel von oben im Hubschrauber, die Förde, die Schiffe, die Straße, in der der Liebste damals wohnte…

4. Mein erstes Auto. Ein scheußlich-quietschgrüner Polo. Sponsored by Oma. Oma meinte es immer sehr gut mir mir und als mich ich gerade mit dem Führerschein rumschlug (ein Elend, ehrlich!), rief sie eines Tages an. Sie hätte mir gerade ein Auto gekauft. Juhuu! Und eine sehr schöne Farbe hätte es auch. Pistaziengrün. Dazu muss ich sagen, das Oma zu diesem Zeitpunkt schon so gut wie blind war. Nun ja. Es war ein Auto, es fuhr, und es gehörte mir. Das war die Hauptsache. Und wo es mich überall hinfuhr… Weil ich das “nackte” Lenkrad nicht gern anfasste, kleidete ich es in einen kuschligen Lammfell-Lenkradbezug. Doch, ja, das mochte ich damals. Die zweitälteste Freundin, der ich das Auto hin und wieder lieh, riss den Bezug jedesmal als allererste Amtshandlung herunter, wenn sie das Auto übernahm. War ihr peinlich, damit gesehen zu werden…keine Ahnung, warum…

5. Mein erstes Haus verkauft. Das war heute Morgen. Mein Elternhaus, die Hintergründe stehen hier. Es war keine übliche “Hausverkaufszeremonie” mit Käufern, Verkäufern und Notar, stattdessen musste ich, weil bei uns alles sehr weit voneinander entfernt und außerdem auch kompliziert ist, den bereits geschlossenen Kaufvertrag notariell beglaubigt genehmigen. Also habe ich das getan, auch wenn ich mich schon geärgert habe, das wir das Haus nun doch etwas unter Wert verkauft haben. Aber so ist das eben, wenn man eine Immobilie loswerden will in Zeiten, in denen alle anderen, die etwas auf der hohen Kante haben, Immobilien kaufen wie verrückt, weil die Preise so günstig sind. Emotionen habe ich erfolgreich beseitegeschoben, tief in mir drin vergraben, stattdessen ein wenig mit dem Notar herumgefrozzelt, ein paar informative Fragen gestellt und meinen Namen in Schönschrift auf das Papier gemalt. Das wars. Das Haus, das meine Eltern für sich und ihre Töchter gebaut haben, ist nicht mehr, jedenfalls für mich und meine Familie.

6. Und in knapp zwei Wochen dann: Das erste Mal mein allerallerliebstes Patenkind, meinen Goldneffen in die Schule bringen. Mein Gott! Ist es wirklich schon so weit? Ich hatte doch erst vorgestern dieses winzige neugeborene Würmchen auf dem Arm!
Zwar hatte ich schon seit Monaten aus der Ferne an allen Schulvorbereitungen Anteil, aber so richtig mit voller Wucht wurde es mir gestern bewusst, beim Telefonat mit der Schwester, als sie mir erzählte, wo der Neuschüler in den Schulbus steigen wird, welche Straßen er auf dem Weg zur Haltestelle überqueren muss…Ohgottohgott! Mein Neffenkind im Schulbus! Hoffentlich geht das da nicht so rüde zu wie früher bei uns! Ganz zu schweigen von meinen Befürchtungen, das der Goldneffe sich gar fürchterlich langweilen wird, weil er schon seit ungefähr einem Jahr sehr flüssig liest und auch schon sehr gut schreibt. Ach. Ich bin gespannt. Sehr.

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Oma Ida

Auf dem Hof in dem kleinen Dörfchen in Nordhessen, auf dem ich ab meinem achten Lebensjahr aufgewachsen bin, lebte, als wir dorthin zogen, eine alte Frau. Oma Ida.
Oma Ida war so alt wie das Jahrhundert, was bedeutet, das sie Anfang der Achtziger etwas über achtzig war, war als nicht mehr ganz junge Frau in den letzten Kriegswochen aus Schlesien geflüchtet und irgendwann in dem nordhessischen Dörfchen gestrandet. Oma Ida war eine echte Bilderbuchoma, klein und leicht rundlich, immer in akurat gebügelte identische geblümte Kittelschürzen mit dunkelgrüner Strickjacke darüber gekleidet, einen kunstvoll zusammengesteckten grauen Dutt auf dem Hinterkopf und ein wunderbar weise verrunzeltes Gesicht. Im Gegensatz zu einer anderen auf dem Hof lebenden alten Dame, die sich für was besseres hielt, weil sie in jungen Jahren mal als “Hofdame bei Grafens” gearbeitet hatte, war Oma Ida im ganzen Dorf bei Alt und Jung sehr beliebt und von allen dort nie anders als liebevoll “Oma Ida” genannt.
Oma Ida hatte auch einen Sohn – tatsächlich hatte sie mehrere Kinder, aber dies war der einzige, der in meinem Bewusstsein in Erscheinung trat – der im Nachbardorf lebte, auch er in unseren Kinderaugen bereits ein alter Mann. Der Sohn mokierte sich gelegentlich darüber, das seine Mutter von allen nur “Oma Ida” genannt wurde und nicht respektvoll “Frau Müllermeierschmidt”, so wie sich das gehört. Dabei gab es im ganzen Dorfe keine respektvollere Titulierung als eben dieses “Oma Ida”.
Oma Ida lebte noch bis Ende der Achtziger körperlich fit wie auch mit hellwachem Geist allein in ihrer Wohnung und kam sehr gut zurecht. Spurtete im Morgengrauen der Müllabfuhr hinterher, wenn irgendjemand (niemals sie selbst!) vergessen hatte, seine Mülltonne herauszustellen, brachte uns Kindern bei, wie man richtig holzhackt. Allein der Sohn traute ihr irgendwann das Alleineleben nicht mehr zu und nahm sie schließlich zu sich, steckte sie in seinem Haus im Nachbarort in eine Dachkammer, wo sie, die all die Jahre voher flink wie ein Wiesel auf dem Hof herumgewuselt war, noch einige Jahre traurig am Fenster saß, bis sie sich schließlich davonstahl. Manchmal sah ich sie noch dort am Fenster sitzen, wenn ich mit dem Fahrrad vorbeifuhr, dann winkte ich ihr zu. Mal mal erkannte sie mich und winkte zurück, mal nicht.

Warum ich mich dieser Tage immer wieder an Oma Ida erinnere? Weil sie irgendwann, als wir noch nicht lange in dem Dörfchen wohnten, sie noch nicht lange kannten, als es in einem Winter nicht sehr kalt und zu unserer großen Enttäuschung völlig ohne Schnee gewesen war, einmal sagte: “Das war kein harter Winter, das kann auch kein warmer Sommer werden.” In diesem Tonfall, der nach fast vierzig Jahren in Nordhessen vom schlesischen Dialekt übriggeblieben war. Und sie behielt Recht, der Sommer, der auf diesen Nichtwinter folgte, war kühl und verregnet.
Dieser Sommer hingegen scheint nach dem heftigsten Winter der letzten Jahre ein richtig heißer Sommer werden zu wollen und erinnert mich daran, das Oma Idas Ausspruch von damals wohl auch umgekehrt zutreffen kann.

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