Letzte Nach war ich im Kino. Zum zweiten Mal dieses Jahr. Und habe dabei die Zahl der dieses Jahr direkt mal um 200 Prozent gesteigert. Mir also zwei Filme auf einen Schlag angesehen. So ganz stimmt das allerdings auch nicht, eigentlich war es nur ein Film. Der allerdings aus Gründen in zwei Teilen veröffentlicht worden ist – die Produzenten behaupten, er wäre sonst zu lang geworden, was sie in anderen Fällen jedoch auch nicht gestört hat, die Allgemeinheit weiß, mit zwei Filmen können die Produzenten noch mehr Kohle scheffeln als mit einem. Wie auch immer.
Man ahnt es schon – es geht um den siebten und letzten Teil der Harry Potter-Saga. Deren erster Teil kam irgendwann letzten Winter in die Kinos, da hatte ich gerade ganz andere Sorgen. Nun kam also der zweite und damit endgültig letzte Teil, und weil ich diesen ja nun ohne den ersten nicht sehen konnte und wollte, gab ich mir in voller Härte das Doublefeature zur Preview. Wohl wissend und in Kauf nehmend, das es passieren könnte, das meine müden Glieder mich bereits nach dem ersten Film zwingen könnten, mich schnurstracks nachhause und ins Bett zu begeben und ich diesem, so es so kommen würde, auch bereitwillig nachgegeben hätte. Es wäre sonst ja nur eine echte Quälerei für mich gewesen, sowas kenne ich zur Genüge. Aber, das ist erfreulich, mein Körper war tapfer und hat zwar müde aber nicht zu müde durchgehalten bis zum Schluss, ohne das ich die letzten zwei Stunden alle 30 Sekunden die Sitzposition wechseln musste. (weiß ja nicht, ob sonst noch jemand dieses Phänomen kennt. Elend! Ganz schlimm auf langen, nächtlichen Autofahrten…)
Also gab es heute Nacht für mich beide Filme und daher werde ich sie in meiner Nachbetrachtung als einen behandeln.
BTW: Potter-Hasser dürfen gerne weitergehen und woanders weiterlesen und -kommentieren, danke, das Sie hier waren, es gibt nichts zu sehen, bitte gehen Sie weiter.
Potter-Fans, die es geschafft haben, des Film noch nicht zu sehen – das kann ja durchaus vorkommen, schließlich läuft er erst seit letzter Nacht – , das Buch noch nicht gelesen zu haben – was man innerhalb von fast vier Jahren schon durchaus mal schaffen könnte, aber ich weiß schon, es gibt Menschen, die müssen lesen erst lernen, wohingegen sie zum Filme schauen von Natur aus begabt sind -, und insbesondere Fans, die es geschafft haben, die letzten vier Jahre durchs Leben zu kommen, ohne mitbekommen zu haben, wie die Geschichte endet – WIE GEHT DAS??? -, wer also immer noch nicht weiß, wie alles ausgeht und sich vom Film noch überraschen lassen möchte, der sollte an dieser Stelle besser auch nicht weiter lesen.
Wer aber schon lange weiß, das SPOILER SPOILER SPOILER am Ende Harry über Voldemort siegt und alles gut wird, der darf gern weiterlesen. Oder damit noch warten, sich erst selbst ein Bild vom Film machen und dann wiederkommen, weiterlesen und seine Eindrücke mit meinen vergleichen. Aber nun zum Film…
Vorab möchte ich auf einen fast vier Jahre alten Blogpost von Herrn Schaarsen über die Verfilmung von Harry Potter und der Orden des Phönix verweisen, mit den Kritikpunkten darin stimme ich quasi 100% überein. Und nachdem ich vor zwei Jahren nach Harry Potter und der Halbblutprinz aus dem Kino kam mit der Einstellung, das war jetzt die schlechteste Potter-Verfilmung aller Zeiten, war ich dieses Mal doch sehr gespannt auf die Umsetzung des letzten Bandes.
Völlig unzufrieden damit bin ich auch nicht. Viele Dinge sind schön umgesetzt. Die Darstellung Snapes ist von Anfang an, so mein Eindruck, sehr viel weniger negativ als in allen vorigen Filmen, es zeichnet sich allein schon an seinem äußerlichen Erscheinungsbild ab, das er möglicherweise eventuell vielleicht ja doch nicht ganz fies ist. Als er am Ende dann als einer von den Guten rehabilitiert wird (“Nach all den Jahren?” – “Immer!” Hach, Severus!), kommt diese Wendung irgendwie nicht mehr allzu überraschend. Wiewohl die Erinnerung im Denkarium sehr unvollständig ausfällt, beispielsweise wird Petunia von Anfang an als Giftspritze hingestellt, die ihre Schwester Lily ob ihrer magischen Talente als Missgeburt beschimpft. Das sie ihr diese Fähigkeiten anfänglich eher neidete, eigentlich auch gern nach Hogwarts gegangen wäre und dann, weil sie nicht durfte, langsam einen Hass auf dieses ganze Zauberergedöns entwickelte, wird unter den Tisch fallen gelassen.
Ganz herrlich: Ralph Fiennes als Lord Voldemort. Voldemort kommt in diesem letzten Teil der Saga im Gegensatz zu den früheren Teilen mehr als nur am Rande vor, wir sehen ihn immer wieder auf der Suche nach dem richtigen Zauberstab (dazu später mehr) oder bei Sitzungen mit seinen Todesserkumpeln. Und, erstaunlicherweise, der böseste aller Zauberer, der dabei ist, die ganze Welt, Zauberer wie auch Muggel, seiner Schreckensherrschaft zu unterwerfen, kommt irgendwie fast ein bißchen sympathisch oder gar witzig rüber. An einigen Stellen war ich immer wieder versucht, zu fragen, wo Voldemort wohl seine Maniküre machen lässt. Er ist der böseste aller Oberschurken, er hat eine riesige Anhängerschar böser Zauberer, und doch merkt man immer wieder: er fürchtet um seine Macht. Er hat Angst. Er fühlt sich bedroht von diesen drei kleinen Teenies, die ihm auf den Fersen sind. Er merkt irgendwann, das sie nach und nach seine Horkruxe zerstören und man sieht plötzlich: er leidet. Ein bißchen denkt man sich so: ja, soweit kann es kommen, wenn ungeliebte, ungewollte Waisenkinder immer nur herumgestoßen werden. Sie geraten irgenwann auf die schiefe Bahn und werden so richtig, richtig böse. Also Leute, seid nett zu Waisenkindern. Besonders, wenn sie magische Fähigkeiten haben.
Sehr schön gespielt fand ich die ganze Ron-und-Hermine-Nummer. Insbesondere Rupert Grint als Ron hat mir da sehr gut gefallen, der hat da fast immer, wenn er sie ansieht, so einen wunderschön bewundernd-schmachtenden Blick drauf, herrlich! Als die Nummer dann irgendwann während des furiosen Finales in Hogwarts in einer sehr leidenschaftlichen Kuss-Szene gipfelt, brach tatsächlich der ganze Kinosaal, der erstaunlicherweise zu 80% aus postpubertären Jungs bestand, spontan in kollektives Gehache aus.
Ganz wunderschön fand ich auch die Szene, in der Harry am Weihnachtsabend in GodricsHollow plötzlich vor dem Grab seiner Eltern steht und Hermine dazukommt. Hermine ist eben einfach die Beste! (Gut gefallen hat mir da auch die Stelle ganz am Anfang, die im Buch so gar nicht vorkommt, dort wird sie nur kurz von ihr erzählt, in der Hermine sich selbst aus den Erinnerungen ihrer Eltern löscht und ihr Elternhaus verlässt. Das ist schön gemacht und hat in der schmerzhaften Notwendigkeit, die darin zum Ausdruck kommt, etwas sehr bewegendes.)
Wenn wir aber gerade schon in GodricsHollow sind, kann ich da auch gleich mit meinen Kritikpunkten anknüpfen. GodricsHollow: ein altes Zaubererdorf, in dem im Buch etliche Fäden der Geschichte zusammenlaufen. Jedoch macht dieser Film es wieder so, wie etliche seiner Vorgänger: er lässt viele wichtige Handlungsstränge glattweg unter den Tisch fallen. Die ganze Dumbledore’sche Familientragödie, der tragische Tod seiner Schwester Ariana und dessen Vorgeschichte, das daraus folgende Zerwürfnis mit seinem Bruder Aberforth, die Jugendfreundschaft mit dem dunklen Magier Grindelwald und seine zweitweilige Begeisterung für dessen …hm… gesellschaftspolitische Vorstellungen. All dies ist für die Geschichte eigentlich essentiell, kommt im Film aber nicht vor, bzw. wird lediglich in einer kurzen Szene von Aberforth mit zwei Sätzen abgehandelt. Auch die mit dieser Geschichte, bzw. Dumbledores Sieg über Grindelwald eng in Zusammenhang stehende Zauberstab-Geschichte finde ich sehr wenig zufriedenstellend dargestellt. Auch die Frage, ob der Tarnumhang, den Harry von seinem Vater geerbt hat, tatsächlich der Mantel aus der Legende von den Heiligtümern des Todes handelt, taucht gar nicht auf, wobei dieses Detail ausnahmsweise eines ist, das nicht ganz so essentiell für die Geschichte ist.
Auch die Rolle von Wumschwanz im Finale kommt zu kurz. Der Mann, den Harrys Eltern für einen Freund hielten und der sie an Voldemort ausgeliefert hat, der dafür gesorgt hatte, das Sirius statt seiner jahrelang in Askaban schmachtete, der in einer absolut gruseligen Szene im vierten Band Voldemorts körperliche Gestalt wieder zum Leben erweckt, tritt nur in ein paar Szenen als Statist auf. Das er jedoch kurz zögert, Harry im Verlies bei den Malfoys anzugreifen, weil er einen Moment daran erinnert wird, das Harry einst (in Band drei) verhinderte, das er direkt getötet wird und er deshalb in seiner Schuld steht und das er zur Strafe gleich darauf selbst von seiner eigenen, von Voldemort geschaffenen künstlichen Hand erwürgt wird, das kommt schlicht nicht vor. Reichlich unwürdiger Abgang einer für die gesamte Geschichte doch ziemlich wichtigen Figur, finde ich.
Ebenfalls überhaupt nicht vor kommt die Geschichte von Kreacher, dem Hauselfen der Blacks. Sicherlich, er kommt vor, er sagt, wer sich das Medaillon unter den Nagel gerissen hat, aber das war es auch schon. Die ganze Geschichte der Wandlung der miesepetrigen, “Schmammblüter und Blutsverräter” abgrundtief hassenden, seiner verstorbenen Herrin nach wie vor treu ergebenen und sich gelegentlich bei deren Verwandtschaft im Hause Malfoy ausheulenden Kreatur zum freundlichen, fürsorglichen, Harry und seine Freunde liebevoll umsorgenden und bekochenden Hauselfen, der letztlich in der Schlacht um Hogwarts die dortigen Hauselfen gegen die Todesser anführt – fehlt. Was besonders schade ist, da in diesem Zusammenhang natürlich auch nicht die von Kreacher berichtete wahre Geschichte um Sirius’ Bruder Regulus Arcturus Black – R.A.B. – ans Licht kommt.
Gut, jeder einzelne kleine Handlungsstrang, der in einem Buch vorkommt, kann in dessen Verfilmung natürlich nicht berücksichtigt werden, das ist einfach so. Da muss man Abstriche machen.
Was mich aber am allermeisten von den ganzen fehlenden Handlungssträngen ärgert, ist das mit Neville. Man erinnert sich, Neville, der plumpe, ängstliche, vergessliche Junge, der sich im Laufe der Geschichte aber immer mehr zu einem der mutigsten Unterstützer Harrys mausert. Im Buch ist es Neville, der nach Harrys vermeintlichem Tod von den Todessern gefangengenommen und vorgeführt wird, sie ziehen ihm den sprechenden Hut über den Kopf (in Unkenntnis darüber, womit sie es zu tun haben?), er zieht – den er ist ein wahrer, mutiger Griffindor – das Schwert Godric Griffindors daraus hervor und tötet damit die Schlange Nagini. Gezielt. Weil Harry ihm, bevor er in den Verbotenen Wald gegangen ist, gesagt hat, sie müssten unbedingt die Schlange töten, da diese der letzte Horkrux sei. Und in der Filmfassung? Da findet Neville wie zufällig das Schwert auf dem Boden herumliegen, nimmt es, blickt auf, sieht, das Ron und Hermine von der Schlange verfolgt werden und geht halt spontan und wiederum wie zufällig dazwischen. Kopf ab, Schlange kaputt, soweit, so gut.
Was mich daran, also daran, das das so ganz zufällig daherkommt, so stört, ist die Sache mit der Prophezeihung. Ich erinnere mich jetzt nicht, ob das im siebten Band nochmal thematisiert wird, aber im fünften, oder auch ochmal im sechsten, als es um die Prophezeihung geht, da erzählt Dumbledore Harry, das diese Prophezeihung dem Wortlaut nach genauso auch auf Neville zugetroffen hätte. Das aber Voldemort durch seinen Angriff auf Harry ihn unter den beiden Jungen als seinen Widersacher ausgewählt habe. Und ich hatte beim Lesen des siebten Bandes so ein bißchen den Eindruck, das es eben nicht zufällig Neville ist, der Nagini tötet. Sondern das er damit einen Teil der Prophezeihung miterfüllen soll, das er damit zeigen soll, das es durchaus auch er hätte werden können, der Voldemort endgültig erledigt. Das war mein persönlicher Eindruck beim Lesen, wie Frau Rowling es sich tatsächlich gedacht hat kann ich natürlich nicht wissen. Aber dieses zufällige, dieses einfach nur spontane dazwischengehen, das macht in meinen Augen Nevilles Anteil am Sturz Voldemorts kleiner, als ihm gebürt.
Das waren mal eben eine Handvoll meiner Kritikpunkte, sicherlich gibt es noch mehr, aber der Tag neigt sich dem Ende zu, der Schreibfluss gerät langsam ins Stocken, nebenher noch zwei Halbfinals gucken ist auch nicht ganz ohne, wie auch immer.
Der Punkt, der mich am fünften und noch viel mehr am sechsten Film besonders gestört hat und der auch im oben verlinkten Artikel von Herrn Schaarsen besonders gut zum Ausdruck kommt, diese unzusammenhängende Aneinanderreihung einigermaßen wichtiger Szenen, der trifft durchaus auch auf den siebten Teil (besser gesagt die beiden siebten Teile) zu, ist hier jedoch wieder, dies können wir evtl. als positiven Punkt verbuchen, wieder weniger stark ausgeprägt als im ganz, ganz grauslichen sechsten Teil. Und somit ist es für mich schon wieder irgendwie ein einigermaßen guter, versöhnlicher Abschluss dieser wunderbaren Geschichte, die für mich begann, als meine zweitälteste Freundin mich im Dezember 2001 ins Kino schleifte, in einen Film, der mich damals nicht wirklich interessierte, der mich dann aber doch fesselte, und nach dem ich die zu diesem Zeitpunkt erschienenen ersten vier Bücher in kürzester Zeit verschlang. Die Ära der HarryPotter-Bücher endete bereits vor vier Jahren, die Ära der Filme ist nun, fast 10 Jahre danach auch zuende.
Die Bücher werden für immer in zwei Sprachen in meinem Bücherschrank stehen. Die Filme… nun ja, die werden ja immer mal wieder im TV wiederholt. Und wie ich vorhin schon zu einer Freundin sagte: Vielleicht kommt, wie bei allen populären Themen, in 20 Jahren oder so jemand an und verfilmt den ganzen Stoff nochmal neu. Und das wird dann vielleicht besser.




