Seit Tagen liegt mir etwas allerschwerst im Magen und auf der Seele und ich weiß nicht, wie ich es rüberbringen soll, weil es eigentlich vollkommen blöd von mir ist. Das weiß ich selbst.
Mein Liebster hat ein Jobangebot bekommen, ein sehr gutes Angebot, und das noch vor Abschluss seines Studiums. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn er ist halt auch ein ganz toller Mann und das weiß nicht nur ich. Und ich freue mich wahnsinnig und bin total stolz auf ihn, das er solche guten Angebote bekommt. Und bin mir aber auch sicher, eben weil er so ein toller, intelligenter, fähiger und fleißiger Mann ist und das auch weithin bekannt ist, das sicherlich noch einige solche Angebote kommen werden.
Der Haken an dem angebotenen Job: Er ist in einer Stadt, in der ich nicht wirklich leben will, einer Stadt, die mal um eine Autofabrik herum gebaut wurde und mitten im ostniedersächsischen Niemandsland liegt. Und ich bekomme nach und nach immer mehr Beklemmungen, Magenschmerzen und Panikattacken bei dem Gedanken, dorthin ziehen zu müssen.
Ich bin vor noch nicht zwei Jahren hierher an die Küste gezogen, habe eine ganze Weile gebraucht, mich hier einzugewöhnen, obwohl es mir durchaus von Anfang an gefallen hat hier, sonst hätte ich das nicht getan. Ich habe gerade erst vor kurzem so etwas wie einen feinen kleinen Freundeskreis gefunden, ich bin eben leider kein Mensch, der schnell und spontan Freundschaften schließt, bei mir braucht so etwas seine Zeit.
Diese Stadt, diese Gegend hier, das wird mir gerade erst bewusst, ist mir inzwischen Heimat geworden. Meine eigentliche Heimat, den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, habe ich Mitte letzten Jahres endgültig verloren. Zwar gehört mir seitdem ein Drittel Hof dort, aber es gibt nichts mehr, was mich dort hinzieht, es nicht mehr der sichere Hafen, der es jahrelang für mich war. Und nun soll ich schon wieder den Ort verlassen, an dem ich mich gerade erst ein wenig verwurzelt fühle?
Ich kann das nicht. Jedesmal, wenn ich hier in unserer Wohnung aus dem Fenster sehe, denke ich, ich will hier nicht weg. Jedesmal, wenn ich irgendwo einen Blick auf die Förde erhasche, denke ich, das kann ich doch nicht verlassen. Es zerreißt mir das Herz, wenn ich das tiefe, allmittägliche Tuten der Norwegenfähre höre. Wenn ich irgendwo im Fernsehen oder auch in anderen Blogs Bilder von der Küste sehe, dann schießen mir die Tränen in die Augen. Wenn ich an die Freunde denke, die ich hier jetzt endlich gefunden habe, dann sowieso.
Ich bin so zutiefst unglücklich und verzweifelt beim Gedanken, in diese Stadt ziehen zu müssen. Wenn ich schon hier in einer Landeshauptstadt bisher keine Arbeit gefunden habe (aber so schnell gebe ich ja nicht auf), wie soll ich dann dort überhaupt jemals etwas finden? Vollkommen aussichtslos, es gibt dort ja nichts. Ich habe Angst, dort lebendig begraben zu sein.
Ich weiß ja selbst, ich bin total selbstmitleidig und ganz furchtbar egoistisch, ich fühle mich deshalb auch total schrecklich. Ich weiß ja selbst, heutzutage muss man verdammt froh sein, überhaupt Arbeit zu finden. Aber muss es denn ausgerechnet dort sein? Jeder andere Ort würde mich – so denke ich jedenfalls – weitaus weniger in Verzweiflung stürzen.
Ganz abgesehen davon, das ich auch Angst habe, das sich der Liebste, wenn er jetzt – Sicherheit geht vor! – dieses erste Angebot gleich annimmt, andere Möglichkeiten verbaut, die sich vielleicht etwas später ergeben würden. Und das wäre so schade.
Dieses ganze Chaos, das da in mir tobt, lässt gerade alles andere, das eigentlich auch gerade wichtig ist, vollkommen in den Hintergrund treten: Die in einer Woche bevorstehende Knie-OP und die Vorbereitungen darauf, die gerade stagnierende Arbeitssuche, die ich mir dann ja wohl auch eigentlich schenken kann und auch mein anderes gesundheitliches Problem, mit dem ich mich nun schon seit bald zweieinhalb Jahren herumschlage und das sich immer noch nicht wesentlich verbessert hat, das ganz im Gegenteil gerade wieder richtig fies wird.
Ich bin extrem durcheinander und hoffe und bete, das sich doch noch irgendetwas anderes für uns ergibt. Wo ich mich doch eigentlich für meinen Liebsten freuen müsste.
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