Ein hektischer Morgen. Der Mann und ich haben beide vollkommen verschlafen, er hat seinen Handy-Weckruf geflissentlich überhört, ich am Vorabend vergessen, meinen wochenendlich ausgeschalteten Wecker zu reaktivieren. Es hilft alles nichts, wir werden uns beide ein wenig verspäten.
Da ich wegen eines Arzttermins am Nachmittag das Kleine Schwarze Auto brauche, muss ich den Mann, bevor es zum Kurs geht, rüber aufs Ostufer fahren, denn zum wie geplant mit dem Fahrrad und der Fähre rübermachen ist es mittlerweile viel zu spät. Unterwegs überkommt mich ein leichter Anflug von Kopfschmerzen und Unwohlsein, siedendheiß fällt mir ein, das die kürzlich für die Handtaschenversorgung erstandenen Tabletten noch jungfräulich eingepackt auf dem Badezimmerschränkchen liegen. Mist, verdammter! Und es ist ja meistens so wie mit dem Regenschirm und dem Blasenpflaster: Weiß man die Tabletten sicher in Reichweite in der Handtasche, dann braucht man sie gar nicht. Liegen sie aber auf dem heimatlichen Badezimmerschränkchen, dann werden einen die Kopfschmerzen gnadenlos quälen, den ganzen lieben langen Tag. Oh Graus.
Doch dann fällt mir ein, da ist ja zwei Straßen von des Mannes Wirkungsstätte entfernt diese kleine alte Apotheke an der wir immer vorbeifahren, da kann ich kurz anhalten, rauspringen und mir den Stoff besorgen, bevor es hektisch wieder rüber Richtung Westufer geht. Eine kleine, verstaubt aussehende Apotheke, oft wie geschlossen wirkend, das Ladenschild und die Fensterdeko aus den frühen 80ern, maximal. Einladend wirkt das Geschäft nicht.
Ich öffne die Tür – gleichzeitig schrillt eine altertümliche Ladenklingel – und betrete das Geschäft. Im gleichen Moment wildes Gebelle. Ich schrecke zurück. Aus dem hinteren Teil der Apotheke kommen zwei mittelgroße Fellknäule ekstatisch kläffend nach vorn gerast. Adrenalinschub meinerseits. Von hinten ruft eine Stimme, was die Hunde aber scheints nicht sonderlich beeindruckt. Einen Moment später dennoch Erleichterung: Ganz bis zu mir schaffen sie es nicht, ein taillenhohes Absperrgitter am Verkaufstresen stoppt ihren Vorwärtssturm.
Ich bin irritiert. Zugegebenermaßen, ich bin in meinem Umfeld dafür bekannt, eine ziemliche Hundehasserin nicht die allergrößte Hundefreundin zu sein. Aber selbst wenn dem nicht so wäre: Was bitte haben Hunde in einer Apotheke verloren? In eine Apotheke kommen kranke Menschen, da sollte es, zumindest meiner unmaßgeblichen Auffassung nach, sauber sein. Und Hunde sind einfach nicht sauber, und wenn man sie noch so regelmäßig badet und striegelt. Und da die Hunde in dieser Apotheke eine übliche Einrichtung sind – das sie das sind, beweist die fachmännisch eingebaute Absperrung zum Zuschauerraum Kundenraum – kann man davon ausgehen, das die Mitarbeiter sie gelegentlich streicheln und/oder sich von ihnen die Hände ablecken lassen. Und jede Wette, danach waschen sie sich nicht jedesmal die Hände. Dieselben Hände, mit denen sie ihre Kunden bedienen, deren Medikamentenpackungen anfassen, ihnen das Wechselgeld in die Hand zählen, bäh!
Nachdem ich den Hundeschock halbwegs überwunden habe, kommt der Apotheker nach vorn geschlurft. Augenblicklich fühle ich mich in einem Gruselfilm versetzt. Hey, das Grusellabyrinth war doch am Freitag, heute ist Montag! Eine schwammig-aufgedunsene Gestalt mit gelblich-weißem, wächsernem Teint kommt mir entgegen.
Ich schlucke die aufkommende Übelkeit hinunter und bringe mein Anliegen vor, der Zombie Apotheker greift in eine der Schubladen hinter sich und holt eine Schachtel hervor. Dann kommt er wieder an den Verkaufstresen, um die Tabletten in die Kasse einzugeben. Mein Blick fällt auf seine Hände. Rissige Hände, verschorfte Hände, blutig gekratzte Hände, Hände mit offenen, blutigen Stellen.
Ich schlucke eine erneute Übelkeitswelle hinunter und zahle, nehme starren Blicks Tablettenschachtel und Wechselgeld entgegen und schwöre innerlich, mir bei allernächster Gelegenheit die Hände zu desinfizieren waschen.
Später im Auto sehe ich die Schachtel noch einmal prüfend an: Immerhin, das Haltbarkeitsdatum des Medikaments ist ein in der Zukunft liegendes.
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